Allgemein
Schreibe einen Kommentar

Das Phänomen der Selbstüberschätzung

Selbstüberschätzung ist ein Massenphänomen, von dem sich niemand freisprechen kann. Im Prinzip nämlich neigen wir alle dazu, unsere Leistungen besser einzuschätzen, als sie in Wirklichkeit sind. Das betrifft Autofahren oder Skilaufen ebenso wie Leistungen, die wir in unserem Beruf bringen müssen, also beispielsweise Patientenberatung, -behandlung oder -kommunikation.

Selbstreflexion ist vor diesem Hintergrund eine sehr wertvolle Eigenschaft.

Selbstreflexion ermöglicht uns das Nachdenken über uns selbst. Diese Fähigkeit versetzt uns in die Lage, unser Denken, Handeln und Fühlen zu hinterfragen und zu analysieren. Ziel ist, mehr über sich selbst herauszufinden.

Vor allem, wenn es um digitale Patientenkommunikation bzw. Internetstrategien geht, sind sich viele Praxisinhaber sicher, hier den richtigen Weg zu gehen. Dieses Gefühl und die damit verbundene positive Beurteilung resultiert aus der Tatsache, dass die Praxis wirtschaftlich erfolgreich ist.

Eben hier lauert die Gefahr, sein Handeln besser einzuschätzen, als es de facto ist und sich damit die Möglichkeit zur Selbstreflexion zunehmen, um eigene Defizite zu erkennen.

Ich selbst habe in Vergangenheit meine Leistungen vor allem in der Gruppe der Selbstzahlerpatienten komplett falsch – nämlich deutlich zu positiv – beurteilt.

Diese Patientengruppe ist bekanntermaßen in der Conversion (= aus einem interessierten Kunden einen Käufer machen) schwierig und damit ein perfektes Beispiel für eine Selbstüberschätzung – vor der im Übrigen niemand gefeit ist.

Entsprechend groß war meine Ernüchterung, nachdem wir konsequent das iie-Ampelsystem eingeführt hatten. (Vgl. https://blog.iie-systems.de/iie-ampel-konsequent-und-richtig-eingesetzt-zeigt-sie-schnell-und-einfach-das-potenzial-einer-praxis/ )

Die Ampel zeigt brutal und ehrlich, wie erfolgreich man wirklich ist.

Trotzdem nutzen noch immer viele Praxen das Ampelsystem nicht – womöglich mehrheitlich, weil sich dessen Sinn nicht erschließt.

Vermutlich steckt dahinter ein unterbewusster Prozess, der den kritischen Blick auf die eigene Wirklichkeit verhindert. Er lässt uns weiter in der Illusion verharren, dass wir im Bereich der Patientenberatung überaus erfolgreich sind.

Wir alle sind kieferorthopädische Experten. Wir sind jedoch keine geborenen Verkäufer, denn dies haben wir auch nicht gelernt.

Wenn ich Kolleginnen und Kollegen zuweilen nach einer Note für die eigene Qualität der Patientenkommunikation und -beratung frage, ernte ich in der Regel ungläubige Blicke oder treffe auf Verständnislosigkeit.

Das ist gar nicht verwunderlich, denn wie erwähnt: Selbstreflexion ist eine wertvolle Eigenschaft. Sie ist aber auch unbequem, denn sie setzt den Willen voraus, seine eigenen Defizite erkennen zu wollen und daran zu arbeiten.

Für Kolleginnen und Kollegen, die mich in Lingen besuchen, ist damit zunächst vielfach eine unangenehme Erfahrung verbunden. Denn wer mich kennt weiß, dass ich kein Blatt vor den Mund nehme und Fehler bzw. Defizite in der Patientenberatung schonungslos und offen anspreche – Fehler, die ich selbst lange Zeit gemacht habe.

Einsicht ist ein schmerzhafter Prozess – und auch das weiß ich aus eigener Erfahrung. Er wird meist von sog. kognitiven Dissonanzen begleitet. Dazu gehören Abwehrhaltung, Vorwärtsverteidigung, Wut, Trotz und Rechtfertigung.

Dagegen ist im Grunde nur ein Kraut gewachsen, nämlich ehrliche und schonungslose Selbstreflexion. Und auch die tut am Anfang weh. Am Ende steht jedoch die Erkenntnis, dass neues Wissen und das damit verbundene neue Handeln ein persönlicher Vorteil ist. Das wiederum ist ein gutes Gefühl.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.